Refugees Welcome? - Ein Streitgespräch mit meinem Vater

Brief meines Vaters: Integration nicht machbar

Liebe Yasmin,

da scheinst Du Dich ja sehr geärgert zu haben über diesen Artikel, dass Du so sehr dem Sarkasmus verfällst. Du hast recht, dass Bildung und Sprachkenntnis eines langen Zeitraumes bedürfen und im Einzelfall auch gar nicht erreichbar sind, zumindest nicht gemessen an den Anforderungen unseres Arbeitsmarktes.

Das sind dann die Mühen der Ebene, Menschen in dauerhafte Beschäftigung zu bringen, was aus meiner Sicht ein maßgeblicher Schlüssel für Integration und Kriminalitätsprävention ist. Von Elke (Anm. Peters Partnerin) höre ich gelegentlich, wie schwer es bereits ist, Menschen, die zeitweise aus dem Erwerbsleben fielen (z. B. wegen Kindererziehung, Sucht, psychischen und physischen Problemen) wieder „einzugliedern“, was immer noch leichter ist, als für Menschen, die nie erwerbsintegriert waren (z. B. mangels Bildung oder wegen körperlicher Einschränkungen) einen Platz im Erwerbsleben zu finden (gesponsert von den Sozialversicherungsträgern).

Ich ahne, wieviel schwerer es dann wird, wenn noch sprachliche und kulturelle Barrieren (anschauliches Beispiel im Artikel: Sich Frauen unterordnen) hinzukommen.

Ich fand in dem Artikel sehr anschaulich vermittelt, dass es dem Anschein nach nicht an der Bereitschaft, dem guten Willen und am Engagement aller Beteiligter mangelte, sondern dass ganz andere Faktoren eine Rolle spielten. Es ging also gerade nicht um den „faulen Neger“ oder die „schmarotzenden Asyslbewerber“, sondern um die Grenzen des Machbaren. Neben den Faktoren Zeit und Geld spielt da auch unsere komplexe Erwerbswelt eine Rolle, wo selbst einfachste Tätigkeit beispielsweise mit Datenbankpflege und Sicherheitsunterweisungen verbunden sind.

Gestern überwachte ich beispielsweise die Fa. Müller, einen Ersatzbrennstoffaufbereiter, der ein benachbartes Zementwerk (Schmidt) beliefert. Bevor ich das Betriebsgelände der Fa. Schmidt durchqueren durfte, musste ich einen 30-minütigen Film über Arbeitssicherheit sehen und nachher einen Wissens- und Verständnistest ablegen. Als mich ein Arbeitssicherheitsbeauftragter über das Schmidt -Gelände zum Betriebsgelände der Fa. Müller führte, kam ich an einer großen Tafel vorbei, auf der als stolze Bilanz vermerkt war, dass seit über 1.000 Tagen kein Arbeitsunfall mehr passiert ist. Zu dem Film fragte ich, in welchen Sprachen dieser vorgehalten werde. Der Arbeitsschützer erklärte, dass er zunächst in Deutsch und englisch erworben wurde, dann bedarfsgerecht auch in Türkisch und Portugiesisch erworben wurden und jetzt ein neues Modulsystem erworben werden soll, weil jede neue Sprachversion des Filmes ca. 3.000 Euro kostete. Dieser Aufwand wird für Menschen betrieben, die teilweise an Zementöfen hantieren, teilweise aber auch Hallen ausfegen. Ich gebe Dir Recht, dass ich in einem arabischen Land auch nicht nach einem Jahr genug Sprachkenntnisse hätte, um entsprechenden Arbeitsanforderungen zu genügen, so es beispielsweise in Saudi Arabien ähnliche Sicherheitsanforderungen geben sollte.

Ich sehe jedenfalls einen aus meiner Sicht nicht auflösbaren Konflikt, sehr viele Menschen schlecht bzw.auch gar nicht zu integrieren oder weniger Menschen gut zu integrieren. Ich selbst tendiere da eher zu letzterem, wobei man dann beim leidigen Thema der Zuwanderungsobergrenzen wäre mit einem naturgemäß ungerechten Lotto-Element, wenn mehr Menschen zuwandern möchten, als eine Gesellschaft fähig ist gut aufzunehmen.

In Lenas (Anm. Yasmins 6-jährige Schwester) Klasse ist beispielsweise Achmed, dessen Mutter gebildet und engagiert ist und dessen Vater nach der Trennung von der Mutter in Saudi Arabien lebt. Von meinen kurzen Kontakten mit Achmed habe ich den Eindruck, dass er in dieser Lebensphase eine gute Chance hat, sich die deutsche Sprache zwanglos anzueignen und in die Gemeinschaft der Gleichaltrigen gut aufgenommen zu werden.

Ich (...) grüße Dich von Herzen

Peter

27.9.16 11:30

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