Refugees Welcome? - Ein Streitgespräch mit meinem Vater

Brief von mir: Unsachliche Berichterstattung

Lieber Peter,

über den Artikel, den du mir zuschicktest, habe ich mich nicht geärgert. Durch meine überspitzt formulierte, sarkastische Antwort wollte ich dich lediglich auf die unausgewogene Berichterstattung hinweisen. Dieser Artikel ist in höchstem Maße tendenziös und versucht zu dramatisieren und Ängste zu schüren, ohne sich dabei auf verlässliche Fakten zu berufen.

Hier nochmal meine Kritik an diesem Artikel in "sachlich":

Die unsachliche/ emotionalisierende Berichterstattung zeigt sich in diesem Artikel auf sprachlicher Ebene durch Formulierungen wie z. B. gleich zu Beginn "Sie lesen abwechselnd stockend aus einem Roman vor, die Lehrerin korrigiert sie." - Eigentlich ganz normaler Schulunterricht, wie er auch in deutschen Schulklassen stattfindet, hier wird das ganze jedoch als äußerst defizitär und problematisch dargestellt.

Es werden "Experten" zitiert, wie der Leiter des Kreisjugendamtes, mit Aussagen wie "Selbst die Fittesten schaffen es nicht", wobei ich mich frage, wie Herr Fischer dies nach einem Jahr bereits zuverlässig beurteilen kann und auf welche Daten er sich bei seinen Aussagen beruft. Dies ist eine rechtspopulistische Aussage, die Ängste schüren soll, aber unfundiert ist.

In dem Artikel wird ironischerweise die "merkwürdige Vermischung von Einwanderungs- und Asyldebatte" erwähnt. Faktisch trägt dieser Artikel selbst zu dieser Vermischung nur bei, indem davon ausgegangen wird, die Kriegsflüchtlinge wären alle auch Einwanderer und es wäre ein großes Problem, wenn diese nicht innerhalb von einem Jahr in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Hier taucht der "Verwertungsgedanke" in Bezug auf die Flüchtlinge auch auf, der mich sehr stört. Es geht bei Flüchtlingen zunächst einmal nur darum, Menschen vor Krieg und Terror zu schützen, was bekanntlich im Grundgesetz verankert ist, und nicht darum, nach "wertvollen" und "wertlosen" Flüchtlingen zu sortieren, wobei letztere dann ihrem eigenen Schicksal überlassen werden.

Zwischenüberschriften wie "Wissen nicht, wie Arbeit läuft" oder "Die komplexe deutsche Welt können wir denen nicht beibringen", sind schlicht rassistisch/ diskriminierend. Wie hat denn Arbeit zu laufen? Das ist vermutlich je nach Art der Arbeit unterschiedlich und es kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Flüchtlinge (selbst einige Minderjährige) schon Arbeitserfahrungen haben und deswegen sehr wohl wissen, wie Arbeit läuft.

Bezeichnend ist auch, dass in diesem Artikel nur Personen aus der kommunalen Verwaltung oder lokalen Industrie zu Worte kommen, die in einem Akt der Selbstbeweihräucherung feststellen: "Bund und Kommune arbeiten zusammen, dazu die Wirtschaft, in vorbildlicher Wiese, wie alle sagen." Sagen dasselbe denn auch die Flüchtlinge? Diese werden nicht interviewt, was die Berichterstattung unvollständig und einseitig macht. Man spricht über Flüchtlinge anstatt mit ihnen zu reden.

Zu schreiben "Mit Jugendlichen aus afrikanischen Ländern haben wir es uns viel einfacher vorgestellt." und zwei Sätze später "Klingt das nicht wie ein Vorurteil?" macht die Sache auch nicht besser - das ist ein Vorurteil, ein rassistisches zudem, und wieder liegen keine empirischen Daten vor, sondern es wird auf Erfahrungsberichte einiger "Helfer" zurückgegriffen. Dass diese bereits zuvor wahrscheinlich Vorurteile über bestimmte Gruppen von Ausländern hatten und zudem eine selektive Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen (so wie jeder Mensch), wird unterschlagen: ihre Anekdoten werden als belastbare Aussagen dargestellt.

Wo wir bei anekdotischer Evidenz sind. Dir fiel die Aussage "Manche der jungen Leute akzeptierten keine Frauen als Vorgesetzte." auf. Wie kommt es, dass du diesen Satz als so aussagekräftig/ anschaulich/ bezeichnend auffasst? Ich fürchte, dass dies daran liegt, dass er deine Vorurteile bestätigt. Wenn ich dir von einem jungen deutschen Mann erzählte, der keine Frauen als Vorgesetzte akzeptiert, würde sich dir dies wahrscheinlich nicht so sehr einprägen, da es nicht so gut zu deinen bestehenden Vorurteilen passt. Es gibt so viele Begebenheiten, die man über das Leben erzählen kann und über Begegnungen mit anderen Menschen. Allein: was sagen sie aus? - (Fast) nichts, würde ich behaupten, da es Einzelereignisse sind und da Menschen aufgrund von ihrer selektiven Wahrnehmung sehr schlecht darin sind, verlässliche Statistiken im Kopf zu bilden aufgrund von ihren Erfahrungen. Dafür sind statistische Erhebungen z. B. in Form von Befragungen notwendig. Alles andere kann man getrost als Schwank aus dem Leben einer Person abtun und sollte den Berichten keinen Wahrheitsgehalt zuschreiben, schon gar nicht generalisiert bezogen auf "alle Flüchtlinge" wie in dem obigen Beispiel. Welche Anekdoten Personen aus ihrem Leben berichten (z. B. negative Erfahrungen mit Ausländern) sagt oft mehr über sie aus, als über die Personen, über die sie in ihren Erfahrungen berichten.

Eine der wenigen Statistiken, die ich im Artikel finde, ist die Aussage "Knapp ein Viertel aller Befragten aus den Hauptzuzugsländern waren demnach nicht länger als vier Jahre zur Schule gegangen."
Andersherum könnte man auch sagen "Drei Viertel der Befragen haben mindestens eine abgeschlossene Grundschulausbildung." Das klingt doch schon deutlich positiver, oder? Je nach sprachlicher Formulierung/ Darstellung von Befragungsergebnissen kann man die aktuelle Situation in Rosenheim bzw. deutschlandweit als "Krise" hochstilisieren oder aber ausgewogen über positive Aspekte und Herausforderungen berichten.

Mein Eindruck ist, dass du dein besonderes Augenmerk auf die negativen oder für dich "bedrohlichen" Aspekte der Aufnahme von Flüchtlingen legst. Du findest es wichtig, zu betonen, dass die Integration von Flüchtlingen ins Erwerbsleben von Sozialversicherungen gesponsert wird. Ist das denn schlimm? Eine andere, ebenfalls auf dem "Verwertungsgedanken" von Flüchtlingen basierende Sichtweise ist die, dass diese ein "Konjunkturprogramm" darstellen und einen Aufschwung für die deutsche Wirtschaft bedeuten (https://finanzkun.de/artikel/konjunkturprogramm-fluechtlinge/). Vielleicht verdient Deutschland am Ende mehr an Flüchtlingen als ausgegeben wurde. Für mich ist dies aber, wie gesagt, nicht der Hauptpunkt, da es zunächst einmal darum geht, der Genfer Flüchtlingskonvention gerecht zu werden, die Deutschland 1951 unterzeichnet hat, und diese kennt keine Obergrenze!

Gerade in Schleswig-Holstein, wo du lebst, sind aktuell ja eher die geringen Flüchtlingsankünfte ein Problem - 46 % der Plätze in den Unterkünften sind ungenutzt - und nicht die hohen Flüchtlingszahlen (http://www.welt.de/politik/deutschland/article152066369/Warum-in-diesem-Schloss-nur-28-Fluechtlinge-wohnen.html, http://www.berliner-zeitung.de/politik/-halbleere-fluechtlingsunterkuenfte-sote-laender-wollen-mehr-23544358 ). Dies wird in den Medien jedoch vergleichsweise selten thematisiert, da es nicht so gut zu den Schlagwörtern "Flüchtlingskrise" und "Zügelloser Zuzug" passt - auch dies ist aber auch Teil der Realität.

Was dein Beispiel der Fa. Müller betrifft: Ich glaube kaum, dass diese Firma 3000 € für eine neue Sprachversion des Sicherheitsfilms ausgeben würde, wenn sich dies nicht finanziell für sie lohnte. Fakt ist doch, dass die ausländischen Arbeitskräfte oder jene mit Migrationshintergrund so schlecht bezahlt werden (z. B. für das Ausfegen von Lagerhallen), dass es immer noch lukrativ ist, diese einzustellen, auch wenn man dafür einmalig Geld in die Beschaffung eines Sicherheitsfilms investieren muss. Mein Mitleid mit der Firma hält sich da in Grenzen.

Es ist schön zu hören, dass du bei Achmed guter Hoffnung bist, dass sich dieser gut in die Klassengemeinschaft einfinden wird. Ich hoffe, dass du auch bei anderen Flüchtlingen, die nicht süße kleine Kinder sind und gebildete Eltern haben, offen und tolerant bist und ihnen die Chance gibst, hierzulande anzukommen.

Viele liebe Grüße
deine Yasmin

27.9.16 11:34

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