Refugees Welcome? - Ein Streitgespräch mit meinem Vater

Brief meines Vaters: Anekdotische Evidenz und eine Replik in blau

Liebe Yasmin,

ich kann einige Deiner Argumente nachvollziehen, räume mir und anderen aber auch einen Subjektivismus ein, weil ich als Mensch nicht nur evidenzbasiert ticke. Gerade las ich diesen Artikel http://www.sueddeutsche.de/kultur/modedroge-nie-wieder-schlafen-1.2890764 , den ich sehr interessant finde, auch wenn er feulletonistisch und nicht statistisch-evidenzbasiert argumentiert. Ich vermute, dass Dein Psychologiestudium in Verbindung mit den dort gebotenen Vorgaben zu wissenschaftlich sauberem Arbeiten und Argumentieren Deine Sichtweise beeinflussen.

Wenn mir beispielsweise Cousine Sabine aus Koblenz bei einem Treffen bei Tante Irma erzählt, dass sie als Lehrerin zum Ende ihrer Dienstzeit unter anderem nicht mehr konnte, weil männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund sich weigerten, von einer Frau etwas sagen zu lassen, nehme ich das erst mal ernst, statt davon auszugehen, das hier hinter wohl kulturelle Vorurteile stecken und ihre Aussage belanglos ist, weil die Grundgesamtheit ihrer Schülerschaft zu klein war.

Es ist bestimmt sinnvoll, immer wieder genau hinzusehen, wo Ursache und Wirkung liegen (sich verweigernde männliche Jugendliche, weil die Lehrerin so borniert an sie herantritt?). Trotzdem halte ich ein subjektives Unbehagen auf Basis der eigenen Lebenserfahrung für berechtigt und sinnvoll.

 

 

Lieber Peter,

über den Artikel, den du mir zuschicktest, habe ich mich nicht geärgert. Durch meine überspitzt formulierte, sarkastische Antwort wollte ich dich lediglich auf die unausgewogene Berichterstattung hinweisen. Dieser Artikel ist in höchstem Maße tendenziös und versucht zu dramatisieren und Ängste zu schüren, ohne sich dabei auf verlässliche Fakten zu berufen.

Hier nochmal meine Kritik an diesem Artikel in "sachlich":

Die unsachliche/ emotionalisierende Berichterstattung zeigt sich in diesem Artikel auf sprachlicher Ebene durch Formulierungen wie z. B. gleich zu Beginn "Sie lesen abwechselnd stockend aus einem Roman vor, die Lehrerin korrigiert sie." - Eigentlich ganz normaler Schulunterricht, wie er auch in deutschen Schulklassen stattfindet, hier wird das ganze jedoch als äußerst defizitär und problematisch dargestellt.

Ich halte das für anschaulich und legitim. Ich würde daraus nicht ableiten, dass es nicht auch unter gebürtigen Deutschen „bildungsferne Schichten“ gibt, die den Bereich des Analphabetentums nicht oder kaum überschreiten.



Es werden "Experten" zitiert, wie der Leiter des Kreisjugendamtes, mit Aussagen wie "Selbst die Fittesten schaffen es nicht", wobei ich mich frage, wie Herr Fischer dies nach einem Jahr bereits zuverlässig beurteilen kann und auf welche Daten er sich bei seinen Aussagen beruft. Dies ist eine rechtspopulistische Aussage, die Ängste schüren soll, aber unfundiert ist.

Das mit den Fittesten bezieht sich nach meiner Lesart nicht auf alle Menschen auf diesem Planeten, sondern auf die überschaubare Anzahl der Kursteilnehmer. Findest Du es nicht bedenklich, wenn eine Erfahrensaussage „rechtspopulistisch“ nennst, weil das so klingt, als wenn die Afd die Realität beschreibt.



In dem Artikel wird ironischerweise die "merkwürdige Vermischung von Einwanderungs- und Asyldebatte" erwähnt. Faktisch trägt dieser Artikel selbst zu dieser Vermischung nur bei, indem davon ausgegangen wird, die Kriegsflüchtlinge wären alle auch Einwanderer und es wäre ein großes Problem, wenn diese nicht innerhalb von einem Jahr in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Hier taucht der "Verwertungsgedanke" in Bezug auf die Flüchtlinge auch auf, der mich sehr stört. Es geht bei Flüchtlingen zunächst einmal nur darum, Menschen vor Krieg und Terror zu schützen, was bekanntlich im Grundgesetz verankert ist, und nicht darum, nach "wertvollen" und "wertlosen" Flüchtlingen zu sortieren, wobei letztere dann ihrem eigenen Schicksal überlassen werden.

Der „Verwertungsgedanke“ ist aus meiner Sicht mehr ein Gedanke der materiellen Machbarkeit. Da wäre ich bei meiner gestrigen Mail. Sollen 100.000 Menschen im Jahr in Deutschland die vollintegrative Unterstützung erfahren oder soll mit dem selben Geld 1.000.000 Menschen in Flüchtlingscamps hinter den Grenzen der bürgerkriegsgebeutelten Staaten das physische Überleben ermöglicht werden?


Zwischenüberschriften wie "Wissen nicht, wie Arbeit läuft" oder "Die komplexe deutsche Welt können wir denen nicht beibringen", sind schlicht rassistisch/ diskriminierend. Wie hat denn Arbeit zu laufen? Das ist vermutlich je nach Art der Arbeit unterschiedlich und es kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Flüchtlinge (selbst einige Minderjährige) schon Arbeitserfahrungen haben und deswegen sehr wohl wissen, wie Arbeit läuft.

„Wissen nicht, wie die Arbeit läuft“, heißt für mich nicht, dass diese Menschen arbeitsunfähig oder arbeitsunwillig sind. Vielmehr geht es darum, dass in den allermeisten Arbeitsbereichen sehr komplexe Anforderungen gestellt werden, die schon zahlreiche Muttersprachler mit Hauptschulabschluss sehr herausfordern. Wenn „diskriminieren“ unterscheidend bedeutet, stimme ich Dir zu. Es gibt Unterschiede zwischen Menschen, die anderswo aufgewachsen sind und einen anderen Bildungshintergrund und eine andere Biographie aufweisen (Krieg, Flucht, Verfolgung, Religion). Da spielt aus meiner Sicht die Hautfarbe keine Rolle.


Bezeichnend ist auch, dass in diesem Artikel nur Personen aus der kommunalen Verwaltung oder lokalen Industrie zu Worte kommen, die in einem Akt der Selbstbeweihräucherung feststellen: "Bund und Kommune arbeiten zusammen, dazu die Wirtschaft, in vorbildlicher Wiese, wie alle sagen." Sagen dasselbe denn auch die Flüchtlinge? Diese werden nicht interviewt, was die Berichterstattung unvollständig und einseitig macht. Man spricht über Flüchtlinge anstatt mit ihnen zu reden.

Da stimme ich Dir zu, dass die Stimmen der Beschulten sehr spannend wären.


Zu schreiben "Mit Jugendlichen aus afrikanischen Ländern haben wir es uns viel einfacher vorgestellt." und zwei Sätze später "Klingt das nicht wie ein Vorurteil?" macht die Sache auch nicht besser - das ist ein Vorurteil, ein rassistisches zudem, und wieder liegen keine empirischen Daten vor, sondern es wird auf Erfahrungsberichte einiger "Helfer" zurückgegriffen. Dass diese bereits zuvor wahrscheinlich Vorurteile über bestimmte Gruppen von Ausländern hatten und zudem eine selektive Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen (so wie jeder Mensch), wird unterschlagen: ihre Anekdoten werden als belastbare Aussagen dargestellt.

Da setzt Du eine hohe journalistische Messlatte an, dass Einzelaussagen von Beteiligten oder Betroffenen nicht hinreichen, weil die statistische Evidenz nicht gegeben ist. Ich lese auch gelegentlich gerne Infratest-basierte Artikel oder wissenschaftliche Studien, bin aber auch an der subjektiven Wahrnehmung von Menschen interessiert. Ich halte es für respektabel, dass viele Menschen eine Abschaltung von Atomkraftwerken aus Sicherheitsgründen wünschen, auch wenn das tatsächliche Risiko (Tote/MWh*a) weit hinter andere Alltagsrisiken wie Autofahren und Risikosportarten zurückfällt.


Wo wir bei anekdotischer Evidenz sind. Dir fiel die Aussage "Manche der jungen Leute akzeptierten keine Frauen als Vorgesetzte." auf. Wie kommt es, dass du diesen Satz als so aussagekräftig/ anschaulich/ bezeichnend auffasst? Ich fürchte, dass dies daran liegt, dass er deine Vorurteile bestätigt. (siehe oben: Sabine, in der Tat keine eigene Erfahrung von mir an 1000en von Fällen) Wenn ich dir von einem jungen deutschen Mann erzählte, der keine Frauen als Vorgesetzte akzeptiert, würde sich dir dies wahrscheinlich nicht so sehr einprägen, da es nicht so gut zu deinen bestehenden Vorurteilen passt. (Ich vermute eine ähnlich hohe Resonanz bei mir. Die Kölner Sylvesternacht wird für die Opfer aber nicht besser, weil auf dem Münchener Oktoberfest vielleicht auch deutsche Männer sexuell Übergriffig gegen Frauen werden) Es gibt so viele Begebenheiten, die man über das Leben erzählen kann und über Begegnungen mit anderen Menschen. Allein: was sagen sie aus? - (Fast) nichts (Ich würde sagen, für die eigene Realität fast alles, für den Statistiker sehr wenig), würde ich behaupten, da es Einzelereignisse sind und da Menschen aufgrund von ihrer selektiven Wahrnehmung sehr schlecht darin sind, verlässliche Statistiken im Kopf zu bilden aufgrund von ihren Erfahrungen. (Wünschst Du Dir solche wandelnden Datenmaschinen in Deinem persönlichen, menschlichen Umfeld?) Dafür sind statistische Erhebungen z. B. in Form von Befragungen notwendig. Alles andere kann man getrost als Schwank aus dem Leben einer Person abtun und sollte den Berichten keinen Wahrheitsgehalt zuschreiben (der Vergewaltigungsversuch an meiner Mutter ist damit ein „Schwank des Lebens“ und sollte nicht auf die Nachkriegssituation für zahlreiche Frauen bezogen werden?), schon gar nicht generalisiert bezogen auf "alle Flüchtlinge" wie in dem obigen Beispiel. (Das würde ich mir auch nicht herausnehmen, etwas generalisierendes über „alle Flüchtlinge“ sagen zu können) Welche Anekdoten Personen aus ihrem Leben berichten (z. B. negative Erfahrungen mit Ausländern) sagt oft mehr über sie aus, als über die Personen, über die sie in ihren Erfahrungen berichten.

Was folgt daraus: Ich werde demnächst einen unbedarften FKK-Urlaub mit meinem schwulen Freund in Saudi Arabien machen, weil ich mich den hässlichen Vorurteilen vieler Rassisten nicht anschließen möchte. Und wenn ich dann später von meinen Erfahrungen berichte, ist das ein Schwank des Lebens, der viel über mich verrät, nicht jedoch über die Menschen, die mein Verhalten missbilligt haben.

Eine der wenigen Statistiken, die ich im Artikel finde, ist die Aussage "Knapp ein Viertel aller Befragten aus den Hauptzuzugsländern waren demnach nicht länger als vier Jahre zur Schule gegangen."
Andersherum könnte man auch sagen "Drei Viertel der Befragen haben mindestens eine abgeschlossene Grundschulausbildung." Das klingt doch schon deutlich positiver, oder? Stimmt. Evidenzbasiert müsste ich den Prozentsatz der promovierten Flüchtling und Deutschen geschlechts- und altersbereinigt vergleichen Je nach sprachlicher Formulierung/ Darstellung von Befragungsergebnissen kann man die aktuelle Situation in Rosenheim bzw. deutschlandweit als "Krise" hochstilisieren oder aber ausgewogen über positive Aspekte (ich hatte den Eindruck, dass in dem Artikel einem positiv-konstruktiven Ansatz gefolgt werden sollte und dessen Grenzen aufgezeigt wurden. Der Artikel handelt nicht von Mehrfachtäter mit zahlreichen verschiedenen Identitäten sondern von motivierten jungen Menschen) und Herausforderungen berichten.

Mein Eindruck ist, dass du dein besonderes Augenmerk auf die negativen oder für dich "bedrohlichen" Aspekte der Aufnahme von Flüchtlingen legst. Du findest es wichtig, zu betonen, dass die Integration von Flüchtlingen ins Erwerbsleben von Sozialversicherungen gesponsert wird. Ist das denn schlimm? Nein, solange die Sozialversicherungen dies tragen können und nicht andere Menschen auf der Strecke bleiben. Eine andere, ebenfalls auf dem "Verwertungsgedanken" von Flüchtlingen basierende Sichtweise ist die, dass diese ein "Konjunkturprogramm" darstellen und einen Aufschwung für die deutsche Wirtschaft bedeuten (https://finanzkun.de/artikel/konjunkturprogramm-fluechtlinge/). Ein spannender Link. Die Diskussion hierzu habe ich schon vor längerer Zeit verfolgt. Der Ansatz, dass für z. Zt. ca. 1 Million Flüchtlinge ca. 10 Mrd Euro pro Jahr aufgewandt werden erstaunt mich aber. Er lässt zumindest keinen Platz für eine umfängliche Integration sondern sichert meines Erachtens nur die Elementarbedürfnisse ab. Ich würde mich freuen, wenn die Thesen in dem Artikel sich bewahrheiten werden und beispielsweise Griechenland sich vielleicht in 10 Jahren über die Grenzschließung durch Mazedonien im Jahr 2016 im Nachhinein freut. Vielleicht verdient Deutschland am Ende mehr an Flüchtlingen als ausgegeben wurde. Für mich ist dies aber, wie gesagt, nicht der Hauptpunkt, da es zunächst einmal darum geht, der Genfer Flüchtlingskonvention gerecht zu werden, die Deutschland 1951 unterzeichnet hat, und diese kennt keine Obergrenze für Menschen, die wegen Rasse, Religion, Nationalität, sozialer Gruppe oder politischer Überzeugung verfolgt werden. Meines Wissens geht es nicht um Bürgerkriege und Armut. Man mag das zynisch finden und im Sinne der merkelschen Linie eine europäische Lösung anstreben (Lastenteilung statt Durchwinken), darum ging es in dem FAZ-Artikel aber auch nicht.

Gerade in Schleswig-Holstein, wo du lebst, sind aktuell ja eher die geringen Flüchtlingsankünfte ein Problem (für die Finanzlage der Kommunen kann ich erst mal kein Problem erkennen) - 46 % der Plätze in den Unterkünften sind ungenutzt - und nicht die hohen Flüchtlingszahlen Als Nachbar einer geruchs- und materialflugträchigen Anlage (DSD-Sack-Lagerung) war ich am Dienstag in einem leerstehenden Containerlager für 2.000 Menschen, dass noch ganz neu war. Vorher lebten die Flüchtlinge hier in der Hallen einer alten Papierfabrik, die jetzt abgerissen wurde. Jetzt verlange ich vom Anlagenbetreiber ein Geruchsgutachten, weil jetzt Menschen 12 m statt 200 m neben der Anlage wohnen und diese Menschen auch einen Schutzanspruch nach Geruchsimmissionsrichtlinie haben.

(http://www.welt.de/politik/deutschland/article152066369/Warum-in-diesem-Schloss-nur-28-Fluechtlinge-wohnen.html, http://www.berliner-zeitung.de/politik/-halbleere-fluechtlingsunterkuenfte-sote-laender-wollen-mehr-23544358). Dies wird in den Medien jedoch vergleichsweise selten thematisiert, da es nicht so gut zu den Schlagwörtern "Flüchtlingskrise" und "Zügelloser Zuzug" passt - auch dies ist aber auch Teil der Realität. Stimmt, das hat mit den verringerten Flüchtlingszahlen im Winter und dem Schließen der Balkanroute zu tun.

Was dein Beispiel der Fa. Müller betrifft: Ich glaube kaum, dass diese Firma 3000 € für eine neue Sprachversion des Sicherheitsfilms ausgeben würde, wenn sich dies nicht finanziell für sie lohnte. Ich habe da auch kein gesteigertes Mitgefühl geäußert. Es ging mir mehr darum, dass recht komplexe Anforderungen an die Arbeitnehmer zu vermitteln sind. Fakt ist doch, dass die ausländischen Arbeitskräfte oder jene mit Migrationshintergrund so schlecht bezahlt werden (z. B. für das Ausfegen von Lagerhallen, was in den meisten Betrieben inzwischen sehr effektiv und staubmindernd mit Saugwagen passiert), dass es immer noch lukrativ ist, diese einzustellen (leider immer weniger. Für ungelernte Kräfte gibt es immer weniger Nischen) , auch wenn man dafür einmalig Geld in die Beschaffung eines Sicherheitsfilms investieren muss. Mein Mitleid mit der Firma hält sich da in Grenzen.

Es ist schön zu hören, dass du bei Achmed guter Hoffnung bist, dass sich dieser gut in die Klassengemeinschaft einfinden wird. Ich hoffe, dass du auch bei anderen Flüchtlingen, die nicht süße kleine Kinder sind und gebildete Eltern haben, offen und tolerant bist und ihnen die Chance gibst, hierzulande anzukommen.

Viele liebe Grüße
deine Yasmin

Ich grüße Dich von ganzem Herzen zurück

Dein Papa

 

27.9.16 11:38

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